Unvergessene deutsche Dichter

An die Herren Amtsgenossen
Nur unter uns! - Ganz leise!
Beileib' verratet's nicht:
Es ist nicht alles weise,
Was ein Professor spricht!
Es bleibe dieses Reimnis
Gestrenges Amtsgeheimnis!
Felix Dahn




Das Herz für unser Volk
An unsrer Väter Taten
Mit Liebe sich erbaun,
Fortpflanzen ihre Saaten,
Dem alten Grund vertraun;
In solchem Angedenken
Des Landes Heil erneun;
Um unsre Schmach sich kränken,
Sich unsrer Ehre freun;
Sein eignes Ich vergessen
In Aller Lust und Schmerz:
Das nennt man, wohlermessen,
Für unser Volk ein Herz.

Was unsre Väter schufen,
Zertrümmern ohne Scheu,
Um dann hervorzurufen
Das eigne Luftgebäu;
Fühllos die Männer lästern,
Die wir uns ausgewählt,
Weil sie dem Plan von gestern
Zu huldigen verfehlt;
Die alten Namen nennen
Nicht anders als zum Scherz:
Das heißt, ich darf's bekennen,
Für unser Volk kein Herz.

Jetzt, da von neuem Lichte
Die Hoffnung sich belebt,
Und da die Volksgeschichte
Den Griffel wartend hebt:
O Fürst! für dessen Ahnen
Der Unsern Brust gepocht
Und unter dessen Fahnen
Die Jugend Ruhm erfocht,
Jetzt, unvermittelt, neige
Du dich zu unsrem Schmerz!
Ja! du vor allen zeige
Für unser Volk ein Herz!
Ludwig Uhland




Lied der Freiheit
Wer unter eines Mädchens Hand
Sich als ein Sklave schmiegt,
Und von der Liebe festgebannt,
In schnöden Fesseln liegt,
Weh dem! der ist ein armer Wicht,
Er kennt die gold'ne Freiheit nicht.

Wer sich um Fürstengunst und Rang
Mit saurem Schweiß bemüht,
Und eingespannt sein lebelang,
Am Pflug des Staates zieht.
Weh dem! der ist ein armer Wicht,
Er kennt die gold'ne Freiheit nicht.

Wer um ein schimmerndes Metall
Dem bösen Mamon dient,
Und seiner vollen Säcke Zahl
Nur zu vermehren sinnt!
Weh dem! der ist ein armer Wicht,
Er kennt die gold'ne Freiheit nicht.

Doch wer dies alles leicht entbehrt,
Wornach der Thor nur strebt,
Und froh bei seinem eignen Heerd
Nur sich, nie Andern lebt,
Der ist's allein, der sagen kann:
Wohl mir, ich bin ein freier Mann!
Johann Aloys Blumauer




Der Wunschhort der Germanen
Es ruht versenkt an stillem Ort,
Tief unter Urwalds Eichen,
Ein teurer, bergentrückter Hort,
Ein Wunschhort ohnegleichen.

Da liegt Herrn Wotans Runenspeer,
Dabei Frau Friggas Spule,
Dort blinkt der Becher, goldesschwer,
Des Königs Ring von Thule.

Der Amalungen weißer Schild,
Das Schwert Herrn Karls, das scharfe
Leis' tönet, wie verträumt, so mild
Des Vogelweiders Harfe;

Der Schöppenspruch auf Pergament,
Der Schapel holder Maide,
Manch Lied, des Sänger niemand kennt,
Und steinbespängt Geschmeide;

Des Rotbart flatternd Kreuzpanier,
Des Rathausdaches Giebel,
Der Hansa stolze Flaggenzier
Und Doktor Luthers Bibel!

Darüberhin ein Hauch, ein Duft
Kernfirnen Rheinweins brütet:
O dringet kühn in diese Gruft,
Die quellend Leben hütet!

Allauf, Genossen, unverwandt
Laßt nach dem Schatz uns schürfen:
Nur reines Herz und reine Hand
Wird ihn erheben dürfen!

Er ist nicht tot: er wächst, er blüht,
Er steigt uns selbst entgegen,
Er will in Geist und in Gemüt
Uns seinen Segen legen:

Den Segen deutscher Herrlichkeit,
Die Heldenschaft der Ahnen;
Laßt uns ihn heben allezeit:
Den Volkshort der Germanen!
Felix Dahn




Deutsches Lied
Ich weiß ein Lied so voller Trauer, –
Wer dieses Lied zu Ende singt,
Dem ist, als ob vor Schmerzenschauer
Ihm in der Brust das Herz zerspringt.

Ein Lied voll schwerster Gramgedanken, –
Es färbt des Sängers Wange bleich,
Ein Lied voll Wehe sonder Schranken: –
Das ist das Lied vom Deutschen Reich!

O soviel Macht und Mut und Treue
Und soviel Torheit, Schimpf und Schmach!
O soviel Hoffnung stets aufs neue
Und soviel Unheil, das sie brach!

O soviel Hinterlist und Tücke
Und immer wieder neu Vertraun –:
Noch niemals mit so wenig Glücke
War soviel Recht und Kraft zu schaun.

Es muß in Sternen stehn geschrieben,
Daß Deutschland nicht darf untergehn,
Der Gott der Völker muß uns lieben, –
Sonst war es längst um uns geschehn.

Mein Volk, nicht rückwärts darfst du schauen,
Daß Gram dir nicht das Herz verzehrt:
Nein, vorwärts und auf Gott vertrauen
Und auf dein Recht und auf dein Schwert.
Felix Dahn




Auswanderungslied
Unsre Fürsten hatten viel versprochen,
Doch das Halten schien nicht ihre Pflicht.
Haben wir denn nun soviel verbrochen,
daß sie hielten ihr Versprechen nicht?

Schlimmer wird es jetzt von Tag zu Tage,
Schweigen ist nur unser einzig Recht:
Untertanen ziemet keine Klage,
Und gehorchen muß dem Herrn der Knecht.

Unsre Brüder werden ausgewiesen,
Mehr als alles Recht gilt Polizei.
Heute trifft es jenen, morgen diesen,
Jeder, jeder Deutsch' ist vogelfrei.

Deutsche Freiheit lebet nur im Liede,
Deutsches Recht, es ist ein Märchen nur.
Deutschlands Wohlfahrt ist ein langer Friede -
Voll von lauter Willkür und Zensur.

Darum ziehn wir aus dem Vaterlande,
Kehren nun und nimmermehr zurück,
Suchen Freiheit uns am fremden Strande -
Freiheit ist nur Leben, ist nur Glück.
Hoffmann von Fallersleben




Das Lied der Deutschen
Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt,
Wenn es stets zum Schutz und Trutze
Brüderlich zusammenhält,
Von der Maas bis an die Memel,
Von der Etsch bis an den Belt -
Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt!

Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang -
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang!

Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach laßt uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand -
Blüh im Glanze dieses Glückes,
Blühe, deutsches Vaterland.
Hoffmann von Fallersleben




Ehre der Arbeit
Wer den wucht'gen Hammer schwingt,
wer im Felde mäht die Aehren,
wer ins Mark der Erde dringt,
Weib und Kinder zu ernähren,
wer stroman den Nachen zieht,
wer bei Woll und Werg und Flachse
hinterm Webestuhl sich müht,
dass sein blonder Junge wachse:

Jedem Ehre, jedem Preis!
Ehre jeder Hand voll Schwielen!
Ehre jedem Tropfen Schweiss,
der in Hütten fällt und Mühlen!
Ehre jeder nassen Stirn
hinterm Pfluge!- doch auch dessen,
der mit Schädel und mit Hirn
hungernd pflügt, sei nicht vergessen!
Ferdinand Freiligrath




Trotz alledem!
Ob Armut euer Los auch sei,
Hebt hoch die Stirn, trotz alledem!
Geht kühn den feigen Knecht vorbei:
Wagt’s arm zu sein, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem,
Trotz niederm Plack und alledem,
Der Rang ist das Gepräge nur,
Der Mann das Gold trotz alledem!

Und sitzt ihr auch beim kargen Mahl
In Zwilch und Lein und alledem,
Gönnt Schurken Samt und Goldpokal
- Ein Mann ist Mann trotz alledem!
Trotz alledem und alledem,
Trotz Prunk und Pracht und alledem!
Der brave Mann, wie dürftig auch,
Ist König doch trotz alledem!

Drum jeder fleh, daß es gescheh,
Wie es geschieht trotz alledem,
Daß Werth und Kern, so nah wie fern,
Den Sieg erringt trotz alledem!
Trotz alledem und alledem,
Es kommt dazu trotz alledem,
Daß rings der Mensch die Bruderhand
Dem Menschen reicht trotz alledem!
Ferdinand Freiligrath




An das Vaterland
Du bist das Land, wo von den Hängen
Der Freiheit Rosengarten lacht,
Und das in hundert Waffengängen
Der Ahn zur Heimat uns gemacht.

Wenn uns in fremder schöner Ferne
In weichen Armen wiegt das Glück,
Es treibt uns unter deine Sterne,
In deine treue Hut zurück.

Was uns an Erdengut versinken,
An Wonnen uns entschwinden mag,
Wir wollen deine Lüfte trinken
Bis zu des Herzens letztem Schlag.

Und ruft das Horn in rauen Tagen,
Dass wir uns um die Fahne reihn,
Wir wollen alles für dich wagen,
Und frei sein oder nicht mehr sein.
Adolf Frey




Heimat
Heimat, das sind die Menschen, die man kennt, die man Verwandte, Nachbarn und Freunde nennt.
Heimat, das ist die Sprache, die man spricht, die man hört, liest und versteht wie ein Gedicht.
Heimat, das sind der Hof, das Haus und die Räume, das sind das Feld, die Wiese, der Garten, die Bäume.
Heimat, das sind die Wälder, die Berge und die Quellen, das sind die Bäche, die Ufer und der Flüsse Wellen.
Heimat, das ist der Ort, seine Straßen und Brücken, das sind die Blumen, die wir am Wegrand pflücken.
Heimat, das ist die Luft die wir atmen, das ist die Sonne, das Licht der Sterne,
das ist unsere Erde, die Nähe und die Ferne.
Heimat, das ist was wir lieben, ist all das Vertraute, was unser Vorfahr hier einst erbaute.
Heimat, das ist die Vergangenheit von der unsere Väter berichten, in vielen alten und fernen Geschichten,
Heimat, das ist die Gegenwart mit Freude und Sorgen, das ist unserer Kinder leuchtendes morgen.
Heimat, das ist wo wir wirken, schaffen und streben, das ist wo wir lieben, leiden und leben.
Heimat, viele Wege führen von dir hinaus, aber alle führen einmal zurück nach Haus.
Arnold Scherner




Dem deutschen Volk
Deutschland, o zerrissen Herz,
Das zu Ende bald geschlagen,
Nur um dich noch will ich klagen,
Und in einer Brust von Erz
Schweigend meinen kleinen Schmerz,
Meinen kleinen Jammer tragen,
Vaterland, um dich nur klagen.

Wenn ein Sänger für dich focht,
Wenn ein Mann ein Schwert geschwungen,
Hast du scheu nur mitgesungen,
Hast du schüchtern mitgepocht;
Und man hat dich unterjocht,
Hat dich in den Staub gezwungen,
Weil du gar so still gesungen.

Ihr beweinet's und bereut's -
Und das nennt ihr deutsche Treue?
Laßt die Tränen, laßt die Reue,
Soll nicht einst der Enkel Teuts
Sterben an der Zwietracht Kreuz,
Kämpf' und handle, Volk, aufs neue,
Denn der Teufel ist die Reue!
Georg Herwegh, 1841




Revolution
"Es wird schon gehn!" ruft in den Lüften
Die Lerche, die am frühsten wach;
"Es wird schon gehn!" rollt in den Grüften
Ein unterirdisch Wetter nach.
"Es geht!" rauscht es in allen Bäumen,
Und lieblich wie Schalmeienton:
"Es geht schon!" hallt es in den Träumen
Der fieberkranken Nation.

Die Städte werden reg’ und munter,
"Es geht!" erschallt’s von Haus zu Haus;
Schon steigt der Ruhm in sie hinunter
Und wählt sich seine Kinder aus.
Die Morgensonne ruft: "Erwache,
O Volk, und eile auf den Markt!
Bring auf das Forum deine Sache!
Im Freien nur ein Volk erstarkt!

Die Morgensonne ruft: "Erwache!"
Klopft unterm Dach am Fenster an;
"Steh auf und schau’ zu unsrer Sache,
Sie geht, sie geht auf guter Bahn!
Ich lege Gold auf deine Zunge!
Ich lege Feuer in dein Wort!
So mach’ dich auf, mein lieber Junge,
Und schlag dich zu dem Volke dort!"

Wie eine Braut am Hochzeitstage,
So ist ein Volk, das sich erkennt;
Wie rosenrot vom heissen Schlage,
Vom Liebespuls ihr Antlitz brennt!
Zum ersten Mal wird sie es inne,
Wie schön sie sei, und fühlt es ganz:
So stehet in der Freiheitsminne
Ein Volk mit seinem Siegeskranz.
Gottfried Keller




Aufruf
Frisch auf, mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen;
Hell aus dem Norden bricht der Freiheit Licht.
Du sollst den Stahl in Feindesherzen tauchen.
Frisch auf, mein Volk! - Die Flammenzeichen rauchen,
Die Saat ist reif; ihr Schnitter, zaudert nicht!
Das höchste Heil, das letzte, liegt im Schwerte.
Drück dir den Speer ins treue Herz hinein!
Der Freiheit eine Gasse! - Wasch die Erde,
Dein deutsches Land, mit deinem Blute rein!

Es ist kein Krieg, von dem die Kronen wissen;
Es ist ein Kreuzzug; ’s ist ein heil’ger Krieg.
Recht, Sitte, Tugend, Glauben und Gewissen
Hat der Tyrann aus deiner Brust gerissen;
Errette sie mit deiner Freiheit Sieg!
Das Winseln deiner Greise ruft: »Erwache!«
Der Hütte Schutt verflucht die Räuberbrut;
Die Schande deiner Töchter schreit um Rache,
Der Meuchelmord der Söhne schreit nach Blut.

Zerbrich die Pflugschar, laß den Meißel fallen,
Die Leier still, den Webstuhl ruhig stehn!
Verlasse deine Höfe, deine Hallen!
Vor dessen Antlitz deine Fahnen wallen,
Er will sein Volk in Waffenrüstung sehn.
Denn einen großen Altar sollst du bauen
In seiner Freiheit ew’gem Morgenrot;
Mit deinem Schwert sollst du die Steine hauen!
Der Tempel gründe sich auf Heldentod!

Der Himmel hilft, die Hölle muß uns weichen.
Drauf, wackres Volk! Drauf! ruft die Freiheit, drauf.
Hoch schlägt dein Herz, hoch wachsen deine Eichen.
Was kümmern dich die Hügel deiner Leichen?
Hoch pflanze da die Freiheitsfahne auf!
Doch stehst du dann, mein Volk, bekränzt vom Glücke,
In deiner Vorzeit heil’gem Siegerglanz:
Vergiß die treuen Toten nicht und schmücke
Auch unsre Urne mit dem Eichenkranz!
Theodor Körner, 1813




Mein Vaterland
Wo ist des Sängers Vaterland?
Wo edler Geister Funken sprühten,
Wo Kränze für das Schöne blühten,
Wo starke Herzen freudig glühten,
Für alles Heilige entbrannt.
Da war mein Vaterland.

Wie heißt des Sängers Vaterland?
Jetzt über seiner Söhne Leichen,
Jetzt weint es unter fremden Streichen.
Sonst hieß es nur das Land der Eichen,
Das freie Land, das deutsche Land.
So hieß mein Vaterland.

Wem ruft des Sängers Vaterland?
Es ruft nach den verstummten Göttern
Mit der Verzweiflung Donnerwettern,
Nach seiner Freiheit, seinen Rettern,
Nach der Vergeltung Rächerhand.
Dem ruft mein Vaterland.

Was will des Sängers Vaterland?
Die Knechte will es niederschlagen,
Den Bluthund aus den Grenzen jagen,
Und frei die freien Söhne tragen
Oder frei sie betten unterm Sand.
Das will mein Vaterland.

Und hofft des Sängers Vaterland?
Es hofft auf die gerechte Sache,
Hofft, daß sein treues Volk erwache,
Hofft auf des großen Gottes Rache
Und hat den Rächer nicht verkannt.
Drauf hofft mein Vaterland.
Theodor Körner, 1813




Frühlingsgruß an das Vaterland
Wie mir deine Freuden winken
Nach der Knechtschaft, nach dem Streit!
Vaterland, ich muss versinken
Hier in deiner Herrlichkeit!
Wo die hohen Eichen sausen,
Himmelan das Haupt gewandt,
Wo die starken Ströme brausen,
Alles das ist deutsches Land.

Aber einmal müsst ihr ringen
Noch in ernster Geisterschlacht
Und den letzten Feind bezwingen,
Der im Innern drohend wacht.
Haß und Argwohn müßt ihr dämpfen,
Geiz und Neid und böse Lust,
Dann nach schweren, langen Kämpfen
Kannst du ruhen, deutsche Brust.

Segen Gottes auf den Feldern,
In des Weinstocks heil'ger Frucht;
Manneslust in grünen Wäldern,
In den Hütten frohe Zucht;
In der Brust ein frommes Sehnen,
Ew'ger Freiheit Unterpfand:
Liebe spricht in zarten Tönen
Nirgends wie im deutschen Land.

Ihr in Schlössern, ihr in Städten,
Welche schmücken unser Land;
Ackersmann, der auf den Beeten
Deutsche Frucht in Garben band,
Traute deutsche Brüder, höret
Meine Worte alt und neu:
Nimmer wird das Reich zerstöret,
Wenn ihr einig seit und treu!
Max von Schenkendorf, 1815



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